Mehr Digitalisierung weniger Produktivität.

„Sie sagten gerade, dass seit den 70er Jahren wir immer mehr computerisiert sind, die Produktivität hat aber abgenommen. Kaum zu glauben. Ist das wirklich so?“

Im Rahmen der Strategiesitzung hatte ich einen Vortrag gehalten für das Managementteam und die Abteilungsleiter eines mittelständiges Unternehmens. Als externer Berater dürfte ich an diesen Strategieentwicklungsprozess beitragen. Wenn Kunden mich für einen Vortrag buchen oder als Strategieberater betätigen, wissen sie, dass ich auf leicht konfrontierende, aber immer wertschätzende Weise ihr Denken provoziere. Steht so auf meiner Webseite.

Die Frage des Managers war zu erwarten. Obwohl ich gar nicht einen ursächlichen Zusammenhang angedeutet hatte, einigermaßen funktioniert das Gehirn doch anders. Zwei Elementen in einem Satz und sofort macht unser Gehirn eine Verbindung. Nichtsdestotrotz, es ist tatsächlich so, dass seit den 70er Jahren wir immer mehr computerisiert sind, und dass seither die Produktivität abgenommen hat.

In den 70er Jahren war es ein Hauptargument des Computerverkäufers, sowie IBM. Produktivitätssteigerung war das zentrale Werbeversprechen, mit dem die EDV-Verkäufer ihren Kunden millionenschwere Geschäfte schmackhaft machten. Das Argument stach, obwohl es nicht seriöser war, als hätte ein Fotohändler behauptet, nur mit einer hochwertigen Kamera knipse man schönere Fotos; ein teures Werkzeug in ungeübten Händen ist einfach nur teuer: ein Auto mit viel Leistung ist sicherer.
Die Geschichte der Computerisierung ist voll von ambitionierten Softwareprojekten, die grandios scheiterten, weil sie nicht viel besser gemanagt wurden als der Bau des Berliner Flughafens oder der Elbphilharmonie. Die Hertie-Studie (2015) schildert solche Projekte, wobei Ambition und Realität ziemlich weit auseinander lagen.
Der Glaube, dass Informationstechnik prinzipiell die Produktivität erhöht, wurde trotz vieler Flops zur unbewiesenen These, gilt aber für manche als Faktum. Microsoft nennt seine üppigen Programmpakete fürs Büro allen „Business Productivity Software“.

Aber Glauben ist nicht gleich Wissen. Es hat also ziemlich lange gedauert, bevor dieses Glauben hinterfragt würde bzw. hinterfragt würde in welchem Maß uns die Fortschritte der Informationstechnik denn nun produktiver machen. Erst in 1987 fiel dem Makroökonomen Robert Solow auf, dass die jahrelangen Milliardeninvestitionen in Hardware und Software in den Wirtschaftsdaten der USA nicht die zu erwartenden Ergebnisse hinterlassen hatten: „Sie können das Computerzeitalter überall sehen, außer in der Produktivitätsstatistik.“

Das Produktivitätsparadox der Informationstechnologie bezeichnet, dass kein positiver, aber eher einen negativen Zusammenhang oder Wirkungsbeziehung zwischen Investitionen in die Informations- und Kommunikationstechnologie und der Produktivität auf volkswirtschaftlicher oder unternehmerischer Ebene zu bestehen scheint. Tatsächlich knickte die Produktivitätskurve 1973 sogar ab und dümpelte dann vor sich hin, als habe die EDV-Einführung die Anwender nicht vorangebracht.
Seither haben das Internet und die Digitalisierung ganze Industriezweige auf den Kopf gestellt, doch die Wirtschaftswissenschaftler beißen sich die Zähne aus am Solows Produktivitätsparadox. Nur sporadisch regt sich in Fachkreisen der Unmut darüber, dass sich die Statistiker mit den ökonomischen Besonderheiten einer informationsbasierten Dienstleistungsgesellschaft so schwertun.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass als Unternehmen die IT-Ausgaben zwischen die siebziger und neunziger Jahren verdoppelten, die dazu passende Unternehmensstrukturen sich kaum änderten, dies zufolge den tayloristichen Art und Weise, worauf wir ein Unternehmen führen, kontraproduktiv wirkt in Zusammenhang mit Digitalisierung.
Weil, gleichzeitig mit dem zunehmende Digitalisierung gibt es in den Unternehmen einen wachsenden Bestand nicht-produktiven Mitarbeiter. Laut Studien von Gary Hamel und Michele Zanini sind zwischen 1983 und 2014 die Zahlen von Manager, Führungskräfte und Support- und Verwaltungsmitarbeiter um 90 % gestiegen. In Großbritannien gibt es jetzt 25 % mehr Managers und Führungskräfte als vor 15 Jahren.

Obwohl Management schon Jahrzehnten die Fokus auf „Lean und Mean“ in der Produktion legen, zeigen aber die Verwaltung- und Gemeinkosten kaum Verbesserung. Genau das Gegenteil, so Hamel und Zanini. Wenn es der Führung und Support betrifft, ist der Enthusiasmus für Effizienzstreben bedeutend geringer.
Selbstverständlich könnte man sagen, dass diese Entwicklung aus eine zunehmende Komplexität entsteht. Weil, wer sonst als das Management und die Führungskräfte sollten sich Gedanken machen, sich kümmern um die neuen Themen der Wirtschaft, wie Digitalisierung, Globalisierung, soziale Verantwortung, usw. Deswegen gibt es ja diese neue Managerrollen, wie Chief Digital Officer, Chief Analytics Officer, Chief Collaboration, Chief Ethics Officer, Chief Learning Officer, Chief Sustainability Officer, sogar Chief Happiness Officer. Wer beschäftigt sich mit der Tagesarbeit der Planung, Priorisierung, Gutachten, Koordination, Priorisierung, Kontrolle, Prüfung, Belohnung, usw. Und steigt diese Bürokratie in Zusammenhang mit den zu Verfügung stehende IT-Daten Versammlungen und zunehmender – fast neurotischen – Neigung Kontrolle zu haben und zu halten, deswegen einen zunehmenden Berichtterror und eine Spreadsheet-Athletik?
Laut Hamel und Zanini sollte Bürokratie nicht so sehr als unvermeidbar gesehen werden oder als der unvermeidbare Preis des Geschäftes in einer komplizierten Welt. Sie behaupten Bürokratie ist wie „Krebs, das die Produktivität und unternehmerische Widerstandsfähigkeit fresst.“

Angenommen nicht die Digitalisierung, aber das Unvermögen bzw. der Unwille des Managements um die Struktur und Kultur des Unternehmens an Entwicklungen anzupassen, stattdessen festzuhalten an die Strukturen aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts und das Praktizieren des Führungsstil und Managements des 18en Jahrhunderts, ist die hinterlegende Ursache, warum Produktivität abgenommen hat.
Wenn das so wäre, was bedeutet das, wenn wir in den nächsten Jahren Industrie 4.0, Blockchain oder Künstliche Intelligenz einführen wollen? Werden wir, erneut, das Potenzial dieser vielversprechenden Digitalisierungswelle, durch festzuhalten an alten Strukturen verschenken?

Da diese Digitalisierungswelle, statt auf interne Unternehmenseffizienz, sich auf die interorganisatorische Beziehungen richten wird, und dies zufolge die Art und Weise worauf Unternehmen miteinander kooperieren tief greifend verändert, haben Sie, innerhalb Ihres Unternehmens, sich schon darüber Gedanken gemacht, wie Ihre Struktur und auch Ihre Kultur, Ihre Mission und Vision, sich verändern wird? Haben Sie sich schon in Ihrem Netzwerk Ihrer Lieferanten und Kunden sich schon ausgetauscht, wie Ihre interorganisatorische Kooperation sich in den kommenden Jahren strukturiert werden sollte?

Die digitale Transformation verlangt von Ihnen als Manager und Unternehmer neue Herangehensweisen ab. Sie sind aufgefordert, interne Prozesse, Bereiche, Leistungen und Organisationsstruktur zu gestalten, ebenso aber auch die interorganisatorische Vernetzung.
Damit dieses scheinbare Produktivitätsparadox der Informationstechnologie bald Geschichte sein könnte.

Klaas Meekma.

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